Verwackelt, mitgezogen, unscharf fokussiert
Dynamik, Dynamik, Dynamik - ohne Stativ
Lässt man sich auf den mentalen Prozess ein, die jahrzehntelang praktizierten Regeln schlichtweg zu ignorieren, entsteht die neue Lust, besonders originelle Ergebnisse zu schaffen. Wilfried Dunckel (D) ist in diesem Portfolio gleich zweimal vertreten, da er mit den Kranichen auf der Aufmacherseite einen Gestaltungskniff angewendet hat, der uns zweimal hingucken lässt. Die Doppelkontur vor den mächtigen Vögeln ist durch eine für die 500-mm-Brennweite extrem lange Belichtung von 1/60 Sek. entstanden. Das ist bei dieser Aufnahme schon allein deshalb schwierig, weil die Vögel nicht warten, bis der Fotograf schussbereit ist. Die zweite Aufnahme von Dunckel interpretiert den Laubengang im Dresdner Marstall neu und lässt uns staunen, wie man Architektur auch darstellen kann.
Selbstverständlich ist Schärfe eindeutiger als Unschärfe, doch weshalb sollten kreative Fotografen nicht damit spielen. Alexander Krefting (AT) hat uns ein Foto mit mysteriöser Aussage gesandt. Fast möchte man dazu schreiben: „Lieber Betrachter, egal, was Du siehst, es ist schön, dass Du das Foto länger betrachtest als eine gänzlich scharfe Aufnahme.“ Mit zu wenig Licht sah sich Michael Heese (NOR) konfrontiert, der im Theater auf den Auslöser drückte. Farbige Beleuchtung, Doppelkonturen und Bewegungsunschärfe haben ein Foto entstehen lassen, das den Zufall und die Experimentierfreude des Fotografen als Vater hat.
In neue Bereiche wagte sich Wilfried Forschner (D) mit dem von ihm eingereichten Foto „Erinnerungen an eine Zugfahrt“. Das banale Motiv der beiden unscharfen Bäume mit dem hochstehenden Mond sowie eine Brauntonung im Bildbearbeitungsprogramm genügten, um dieses mystische Bild entstehen zu lassen.
Der Straßenverkehr genügte Hamed El Diwany (D), um sein farbenprächtiges Foto von „innerörtlichem Verkehr“ zu belichten. Anders als zu den Zeiten, als wir die Filmentwicklung abwarten mussten, ist heute die Kontrolle solcher Experimente direkt nach der Aufnahme ein folgerichtiger Schritt, um bei der nächsten Aufnahme noch bessere Ergebnisse zu erzielen, denn erst das schrittweise Vortasten in die neue Aufnahmetechnik führt zu den Meisterfotos jenseits klassischer Regeln.
Für Sepp Köppl (CH) war der Prater der magische Ort, um mit Bewegung während des Auslösens originelle Bilder zu schaffen. Besonders schön ist der Farbkontrast zwischen dem Blau des Himmels und den Bewegungsspuren in warmen Gelb- und Rottönen. Nicht die Farbe, sondern die Bewegung dominiert bei dem Treppenfoto von Frank-Walter Schilling (D), der durch eine leichte Drehung der Kamera während des Auslösens die Bewegung der Treppenrundung intensivierte. Defokussierung in der Makrofotografie kann plakative Farbflächen ergeben, mit denen wir die klassische Erwartungshaltung an ein Foto elegant hinter uns lassen. Das jedenfalls lehrt uns das Foto von Helga Lehner (D).
Andreas Engelmann (D) nutzte das unscharf eingestellte Objektiv ebenfalls für eine Farbkomposition, die Emotionen auslöst und von jedem Betrachter anders gedeutet werden kann.
Man hat die Kamera bei einem Event dabei, das Licht ist allerdings mäßig. Was tun? Paul Jancso (D) hat seine „Cheerleader“, in Wahrheit sind es Palmen im Wind, mit einer Langzeitbelichtung dynamisch in Szene gesetzt. Der Zufall spielte Brigitte Nickel-Zeiger (D) bei ihrer Aufnahme eines Schakals in die Hände. Wie die Doppelabbildung letztlich entstand, ist zweitrangig. Wir zeigen das Bild aufgrund des originellen Ergebnisses. Wer wie Harry Stampfer (AT) gern Motorsport fotografiert, der praktiziert dynamische Mitzieher immer dann, wenn die Lichtverhältnisse die perfekte Abbildung vereiteln.
Städte¬fotografie neu gedacht präsentieren uns in diesem Portfolio Sepp Köppl (CH) und Reinhold Seher (CH).