Spiegellose Kameras: Weder Fisch noch Vogel
Das ursprüngliche Ziel, spiegellose Kameras zu produzieren, war es, kleinere Modelle und dementsprechend auch kleinere, leichtere Objektive herzustellen. Traditionelle Spiegelreflexkameras, kombiniert mit lichtstarken Optiken, erwiesen sich vielfach für den Endverbraucher als zu schwer. Mit diesen neuen, leichten Modellen wollte die Industrie gegensteuern, wollte die sich abzeichnenden Rückgänge bei den Verkäufen von Spiegelreflexkamera-Systemen kompensieren.
2008: VorreiterPanasonic/Olympus
Mit dem von Panasonic und Olympus eingeführten MFT-(Micro-Four-Thirds)System wurde eine Kamera mit ultrakompakten Abmessungen und sehr kompakten Objektiven vorgestellt. Die Aufnahmegröße des Sensors beträgt mit 17,3 x 13 mm nur ein Viertel der Fläche eines Kleinbild Vollformatsensors mit 36 x 24 mm. Fünf Jahre später zog Sony mit seinen Alpha-Vollformatkameras nach und zeigte, dass man spiegellose Kameras auch für das KB-Vollformat sehr kompakt produzieren kann.
Heute ist alles anders
Olympus, heute OM-Systems, blieb seiner Philosophie treu. Kameras und Objektive sind klein, leicht und handlich, aber eben mit dem MFT-Sensor bestückt. 20 Megapixel, mehr gibt es nicht. Sony hingegen ist viel weiter gegangen. Die aktuellen Sony Alpha Modelle sind immer noch sehr kompakt. Bei den Objektiven jedoch verlässt Sony leider die Maßstäblichkeit. Die aktuellen Sony Objektive der G-Linie sind größer als einstmals Optiken für Spiegelreflex-Kameras. (Anmerkung der Redaktion: Weltweit wurden in 2025 nur noch 6.000 Stück DSLR verkauft). Dazu verglich ich das Sony FE 100mm f2.8 Macro GM OSS mit dem Canon EF 100 mm f2.8 IS USM und dem Olympus Zuiko Auto 90 mm f2 Macro, ein Objektiv des analogen OM-Systems. Mein persönliches Fazit: Absurd. Mehr gibt es dazu nicht zu erklären.
Vorbildliche Ausnahmen
Meiner Meinung nach hat Fujifilm mit den X-T und X-E Modellen die besten spiegellosen Kameras im Angebot. Ich persönlich schätze nicht nur die analoge Bedienung mit Blendenring, Verschlusszeiten- und Belichtungskorrekturrad. Mindestens ebenso vorteilhaft finde ich die gut aufeinander abgestimmten Abmessungen von Kameragehäuse und Objektiven. Ich liebe meine Fujifilm X-E3 mit dem Pancake 27 mm –überaus kompakt, leicht und beinahe immer dabei.
Digitaler Sucher: Der Todesstoß für die „M“?
Auch der vermeintliche Fortschritt aus Wetzlar unterstreicht die Ratlosigkeit bei den Kameraherstellern. Mit der Leica M EV1 hat der Erfinder der kompakten, wie auch legendären Messsucherkamera dem Konzept seines Erfolgsmodells den Todesstoß versetzt. Anstelle des schönen optischen Messsuchers kommt jetzt ein digitaler Sucher zum Zuge. Ein Videobild, selbst mit der hohen Auflösung von 5,76 Megapixel, ist einfach kein optischer Sucher. Nun macht das «M» in der Modellbezeichnung keinen Sinn mehr und die traditionsreichen und exzellenten M-Objektive, die mit einer hochpräzisen Steuerkurve die Schärfe gerade bei hochlichtstarken Objektiven auf den Punkt genau ermöglichten, müssen jetzt digital arbeiten – traurig aber wahr.
Sind die Spiegellosen zukunftsfähig?
Auch wenn die weltweiten Verkäufe für 2025 Zuwächse verzeichneten, der Jubel gilt nicht für die Erträge, denn die sind massiv geschrumpft. 9,44 Millionen ausgelieferte Digitalkameras bedeuten gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 11 Prozent, das Umsatzvolumen dieser Kameras wächst jedoch nur um 3,4 Prozent. Das geht vermutlich zu Lasten der Margen. Wozu sollte sich der Verbraucher überhaupt eine digitale – und meist schwere – Kamera kaufen? Sie ist komplexer zu bedienen und unhandlicher als ein Smartphone, das ohnehin ständiger Alltagsbegleiter ist. Dazu kommt die auch physikalisch begründbare Farbqualität der Smartphones (Farbraum P3 für mehr Farben als SRGB). Heute ist das Smartphone als Kamera und Bildpräsentations-Display die Nummer 1, zumal auch immer weniger Bilder gedruckt werden.
Ich kann nur hoffen, dass all jene, die mit der analogen Fotografie groß geworden sind oder diese erst jetzt entdeckt haben, weiterhin dieser schönen Leidenschaft nachgehen. Nichts ist schöner als ein gedrucktes Foto.
Roberto Casavecchia