Filme selbst entwickeln, auch ohne Dunkelkammer

Hybride Fotografie, also analog fotografieren und digital bearbeiten, öffnet neue Gestaltungsbereiche. Damit der hybride Workflow überzeugende Ergebnisse liefern kann, ist eine optimale Filmentwicklung Voraussetzung. Wenn Sie selbst entwickeln, können Sie durch Anpassungen noch mehr aus Ihren Negativen herausholen, und dies sogar bei Tageslicht. Roberto Casavecchia zeigt, was heute machbar ist.

Filme selber entwickeln, ist nicht jedermanns Sache. Viel Aufwand, keine Dunkelkammer sind die abwehrenden Argumente. Die Filmentwicklung entspricht der RAW-Konvertierung in der digitalen Fotografie und diesen Vorgang sollten Sie möglichst selbst durchführen. Lässt man die Filme im Labor entwickeln, so muss man in vielen Fällen Kompromisse schließen. Wie aufwändig also ist die Selbstverarbeitung eines Filmes im Jahr 2023?

Filme entwickeln bei Tageslicht. Geht doch!

Bekanntlich wird der zu entwickelnde Film in völliger Dunkelheit auf eine Spirale aufgewickelt und in eine Entwicklungsdose gegeben. Sobald die Spirale mit dem Film in der lichtdicht verschlossenen Entwicklungsdose ist, kann dann bei Tageslicht weitergearbeitet werden. Dazu werden die jeweiligen Lösungen für Entwickler, Stoppbad, Zwischenwässerung und Fixierbad der Reihe nach eingefüllt.

Ohne Dunkelraum benutzt man einen lichtdichten Wechselsack. Dieser ist für Einsteiger weniger geeignet, weil etwas fummelig. Kleinbildfilm lässt sich noch einigermaßen einfach in die Spirale aufwickeln, 120er-Rollfilm ist da schon etwas heikler, weil man noch zusätzlich das Schutzpapier entfernen muss – auch dies bei vollständiger Dunkelheit. Gerade für Einsteiger ist das eine Hemmschwelle, Filme selbst zu entwickeln. Zwei praktische, wenn auch völlig unterschiedliche Lösungen stellen wir Ihnen nachfolgend für die Filmentwicklung bei Tageslicht vor.

Da wäre zunächst die „JOBO 2400“-Tageslicht-Entwicklungsdose, die leider nicht mehr hergestellt wird und die Sie somit nur noch Second Hand (für circa 40 Euro) erwerben können. Sie lässt sich auch nur für die Entwicklung von Kleinbild-135er-Film verwenden. Die zweite Lösung ist die LAB-BOX von Ars-Imago. Sie ist noch nicht lange auf dem Markt. Mit ihr allerdings kann man neben Kleinbildfilmen auch Mittelformatfilme bei Tageslicht entwickeln.

Was Sie für die Filmentwicklung brauchen

Für die Entwicklung von Schwarzweiß-Negativfilmen – wir beschränken uns in diesem Beitrag auf SW-Entwicklung – benötigen wir Entwickler-, Stopp- und Fixierbad. Das Stoppbad hat die Aufgabe, den Entwicklungsprozess zu stoppen, und kann auch selbst mit 5?% Essigsäure angesetzt werden. Den Entwickler und Fixierer gibt es als Flüssigkonzentrat und/oder in Pulverform, aber auch schon im richtigen Verhältnis angesetzt. Wir reden hier von der bewährten, klassischen 3-Bad-Entwicklung. Ein Netzmittel wird nach der Wässerung beigegeben, damit das Wasser für eine schlierenfreie Trocknung besser vom Film abtropft.

Alternativ können Sie ebenfalls eine Monobad-Entwicklung durchführen. Dabei sind Entwickler und Fixierer zusammengemischt und der Film wird mit nur einem Bad entwickelt und in derselben Lösung auch fixiert. Persönlich bin ich kein Anhänger von Monobad-Entwicklern, da die Entwicklungszeit im Voraus fest bestimmt ist. Schließlich entwickelt man selbst, um individuell steuern zu können, beispielsweise durch „pushen“ von SW-Filmen. Darunter versteht man eine empfindlichkeitssteigernde Entwicklung, um mit höheren ISO-Werten belichten zu können.

Kleinbildfilme selbst entwickeln mit „JOBO 2400“

Wer nur Kleinbild-135er-SW-Filme entwickelt, für den ist die „JOBO 2400“-Entwicklungsdose ideal. Die Filmaufwicklung ist kinderleicht und wird mit wenigen Links-/Rechts-Drehbewegungen automatisch ausgeführt. Nach dem Aufwickeln wird der zentrale Kern nach unten gedreht, und damit wird das Filmende von der Patrone getrennt. Man entfernt den oberen Verschlusszapfen, dreht die Entwicklungsdose nach unten und die leere Filmpatrone wird ausgeworfen.

Die Einzelteile der Entwicklungsdose Jobo 2400 © Roberto Casaveccia
Die Einzelteile der Entwicklungsdose Jobo 2400 © Roberto Casaveccia

Den Filmanfang wegschneiden, bis oben und unten die Perforation vorhanden ist. In den unteren Teil der Spirale setzen und die untere Perforation in einen kleinen Widerhaken (1) einsetzen. Den oberen Teil der Spirale mit dem Aufwickelkern und Verschlusszapfen anbringen und den Aufwickelkern (1) ganz nach oben drehen.

Die Spirale in die Dose (1) stellen und den Verschluss (2) darüber setzen. Anschließend den Aufwickelkern  mit Links-/Rechts-Drehungen (1) betätigen, bis der Film vollständig aufgewickelt worden ist. Das Filmende blockiert die Drehbewegungen. Anschließend den Aufwickelkern nach unten drehen, damit sich das Filmende von der Patrone trennen lässt. Dann den Verschlusszapfen entfernen, die Dose nach unten (1) kippen, und die leere Filmpatrone (2) wird in der Folge ausgeworfen.

450 ml Entwicklerflüssigkeit einfüllen, bewegen.

Die Filmentwicklung ist einfach und kann bei Tageslicht ausgeführt werden: Der Film ist nunmehr in der Entwicklungsdose. Als Nächstes können Sie den Entwickler bei vorgeschriebener Temperatur in den Messbecher gießen. Bei der JOBO 2400 werden 450 ml Flüssigkeit genutzt. Verwenden Sie bitte für Entwickler-, Stopp- und Fixierbad separate Messbecher, damit sich die Flüssigkeiten nicht vermischen.

Den Entwickler in die Dose einfüllen und mit der roten Verschlussmembran schließen. Gemäß der Anleitung wird im Folgenden die Dose in einem vorgeschriebenen Rhythmus gekippt beziehungsweise gedreht, bis die benötigte Entwicklungszeit abgelaufen ist. Die Entwicklungszeiten können je nach Entwickler und ISO-Einstellung bei der Belichtung stark variieren.

Entwicklungszeit um, was nun?

Entfernen Sie nun die rote Verschlussmembran und gießen Sie den Entwickler in den entsprechenden Messbecher zurück. Die gleiche Prozedur – mit anderen Verarbeitungszeiten – wird anschließend mit dem Stopp- und Fixierbad ausgeführt.

Anschließend muss der Film ausgiebig gewässert werden, am besten unter laufendem Wasser. Dazu die Entwicklungsdose ohne Deckel in ein Becken platzieren und circa 15 Minuten lang wässern. Am Schluss der Wässerung werden noch ein paar Tropfen Netzmittel beigegeben. Schließlich nehmen Sie die Spirale aus der Dose und schütteln Sie diese einige Male kräftig, damit möglichst viel Wasser vom Film entfernt wird.Der Film kann jetzt aus der Spirale entnommen werden. An jedem Filmende befestigen Sie eine Filmklammer und hängen den Negativstreifen an einem staubfreien Ort zur Trocknung auf.

Kleinbild- und Mittelformat-Filme in der LAB-BOX entwickeln

Die LAB-BOX von Ars-Imago ist ein modulares Gerät, mit dem sich Kleinbild-135er- und Mittelformat-Rollfilm- 120er-Filme bei Tageslicht entwickeln lassen. Die LAB-BOX mit 135er- und 120er-Modul kostet etwa 190 Euro und ist beispielsweise bei Macodirect.de erhältlich. Eine detaillierte Anleitung können Sie auf der Herstellerseite in verschiedenen Sprachen herunterladen.

Die LAB-BOX: Der Film ist eingespannt, der Filmanfang wird wird an der Entwicklungsspule fixiert
Die LAB-BOX: Der Film ist eingespannt, der Filmanfang wird wird an der Entwicklungsspule fixiert © Roberto Casavecchia

So geht es mit der LAB-Box: Den Filmanfang wegschneiden, bis oben und unten die Perforation vorhanden ist. Filmpatrone in den Halter legen. Filmlasche danach unter die zwei kleinen Chromrollen (1) schieben. In die Führungsschiene ziehen und mit Transportclip (2) befestigen. Das orangefarbige Transportrad (1) drehen, bis der Filmanfang in die Spirale (2) einfädelt.
Den Deckel aufsetzen und drehen (1), bis der ganze Film auf der Spirale aufgewickelt ist beziehungsweise das Transportrad sich nicht mehr drehen lässt.
Die LAB-BOX drehen. Auf der Rückseite befindet sich ein grauer Schiebeknopf. Diesen mit etwas Druck nach oben drücken (1), um das Filmende von der Patrone zu trennen.
Für die LAB-BOX werden Füllmengen von 300 bis 490 ml benötigt. Den Entwickler mit der vorgeschriebenen Temperatur einfüllen. Im Anschluss daran den orangefarbenen Transportknopf bitte im vorgeschriebenen Rhythmus für die Entwicklung drehen.

Nach Ablauf der Entwicklungszeit die LAB-BOX neigen und den Entwickler in den entsprechenden Messbecher zurückgießen. Die gleiche Prozedur – mit anderen Verarbeitungszeiten – wird danach mit dem Stopp- und dem Fixierbad ausgeführt.

Die LAB-BOX jetzt öffnen. Sie sehen die Filmpatrone mit abgetrenntem Filmende und die Spirale mit dem entwickelten Film.
Der noch nasse, ausgewässerte Film kann jetzt von der Spirale entnommen und an einem staubfreien Ort zur Trocknung aufgehängt werden.

Film trocknen und zuschneiden

Der von der Spirale entnommene Film wird mit speziellen Filmklammern zum Trocknen aufgehängt. Von Kaiser Fototechnik gibt es Filmklammern mit und ohne Gewicht. Der Filmanfang wird mit der Klammer ohne Gewicht in staubfreier Umgebung aufgehängt. Unten am Filmende wird die Klammer mit Gewicht angefügt. Um überschüssiges Wasser abzustreifen, gibt es Abstreifzangen, die leider oft mehr Schaden als Nutzen bringen. Ich verwende Zeige- und Mittelfinger, die ich zuvor im Wasserbad in etwas Netzmittel eingetaucht habe, und entferne damit restliches Wasser vom Film. Nachdem der Film vollständig trocken ist, kann dieser in Streifen mit jeweils sechs Bildern zugeschnitten werden. Die einzelnen Negativstreifen können in eigens dafür gemachten archivfesten Sichthüllen aufbewahrt werden. Diese sind mit einer Normlochung versehen und lassen sich in einem Ringordner ablegen.

Ein haptisches Erlebnis Im Gegensatz zum rein digitalen Workflow ist die Filmentwicklung im hybriden Workflow ein handwerkliches Erlebnis und vermittelt quasi einen direkten Kontakt zum Bild. Wir müssen uns mit dem Negativ beschäftigen und auswählen, welches wir scannen. Dann steht der digitalen Optimierung und einem finalen Fine Art Print, beispielsweise auf Baryt-Papier, nichts mehr im Wege.

Beachten Sie hierzu bitte auch den Beitrag über Scanning in der FineArtPrinter-Ausgabe 02/2023 und das ergänzende Whitepaper mit der Photoshop-Aktion „Perfect Scans 1.2“ für optimale Scanergebnisse in unserem FAP-Shop.

Roberto Casavecchia